Sonderfahrt mit dem PD "Leipzig"
von Königstein (Sachsen) nach Usti (Tschechien)
Erlebnistour der besonderen Art
Mit dem Dampfer „Leipzig“ ins böhmische Aussig
Viel zu lange war es her. Seit Jahren hatte sich kein Dresdener Raddampfer mehr ins böhmische Usti nad Labem (Aussig) begeben. Doch jetzt wurde den Dampferfans aus Nah und Fern endlich wieder eine solche Tour geboten.
24. Mai 2009. An der Anlegestelle in Königstein liegt der Dampfer „Leipzig“. Bunt geschmückt wird er schon morgens um sieben von den ersten Sonnenstrahlen des Tages beschienen. An Bord herrscht bereits ein geschäftiges Treiben. Kein Wunder, denn in einer Stunde werden 163 Gäste das größte und jüngste Dampfschiff der Sächsischen Dampfschiffahrt stürmen. Dampferfreaks, die sich diese seltene Fahrt nicht entgehen lassen wollen.
Schon seit Wochen ist alles perfekt vorbereitet worden. Auf Initiative des Schweizers Andrew Thompson hat die Dresdener Reederei diese Sonderfahrt ins Programm aufgenommen und überall beworben. Sicher: 69,- Euro - inklusive einer DampfschiffCard Plus, mit der man ein Jahr lang außer samstags zum halben Preis fahren und ein Essen verspeisen kann - sind kein Pappenstiel. Aber diese Summe gibt man genauso selten aus, wie man in den Genuss eines solchen Ausflugs kommt. Die Teilnehmer dürfen sich dann auch daran erfreuen, dass die Küche samt tschechischem Koch original böhmisches Flair verströmt. Restaurantleiter Steffen Seidel und seine Crew bringen die Gaumen ihrer Kunden mit Melniker Spatzen und Lendenbraten, den berühmten Knödeln und einem zünftigen Krusovice Bier zum Jubilieren. Über die Sehenswürdigkeiten an Land und manche Episode der Elbschifffahrt berichtet live Ralf Hauptvogel, Hobbyhistoriker und Kenner der Szene. Seine lebendige Unterhaltung wird am Ende der Fahrt Anlass zu lang anhaltendem Applaus der Fahrgäste sein. Keine Frage, dass die fast elfstündige Reise auch die Medien anzieht. Ob an Bord oder an den Ufern: Fernsehfunk und Fotografen halten das Geschehen auf dem Schiff und das beeindruckende Panorama am Fluss für alle Ewigkeit in schönen Bildern fest.
Alte Fahrpläne sind an diesem Tag sehr begehrt. Wird der Dampfer die Fahrzeiten von anno 1931 einhalten, als er das erste Mal diese Linie befuhr? Schiffsführer Lutz Peschel steuert sein Schiff ruhig auf den richtigen Kurs. Bad Schandau wird passiert, bald schon tauchen die Schrammsteine und Schmilka auf, dann der erste tschechische Ort Hrensko (Herrnskretschen). Einige Wochen zuvor hat sich der umsichtige Kapitän in seiner Freizeit noch einmal mit einem Frachtschiff auf die Strecke begeben, die er lange nicht befahren hat. Sicher ist sicher. Als das Dampfschiff den Heiligen Nepomuk oberhalb von Dolni Zleb (Niedergrund) erreicht, folgt eine traditionelle Zeremonie. Steuermann Roberto Lemke tauft getreu des alten Schifferbrauches Bootsmann Thomas Radtke und Azubi Matthias Heymer, die zum ersten Mal in ihrer Schifferlaufbahn hier vorbei fahren. Mit sichtlicher (Schaden-)Freude der Fahrgäste lassen die Beiden die lustige „Tortur“ über sich ergehen. Nicht lange, und Decin (Tetschen/Bodenbach) ist in Sicht. Bis 2007 ist die Sächsische Dampfschiffahrt noch planmäßig hierher gefahren. Wirtschaftliche Gründe zwangen das Unternehmen dazu, die Linie vorerst einzustellen. Wird es hier eines Tages ein Wiedersehen mit Dresdener Schaufelraddampfern geben? Momentan bedient nur ein tschechisches Motorschiff die Strecke bis zur Grenze. Während man den Gesprächen der Fahrgäste über diese und andere Themen - wie zum Beispiel zusätzliche Staustufen in der Elbe - entnehmen kann, dass sich - verständlicherweise - viele Experten und Dampf-Enthusiasten unter ihnen befinden, zieht die „Leipzig“ weiter unbeirrt ihre Kreise. Dobkovice (Topkowitz), Maskovice (Maschkowitz) oder Velke Brezno (Großpriesen) heißen markante Orte, in denen die Einwohner dem stolzen Dresdener Raddampfer zuwinken.
Es geht auf 14.00 Uhr zu, das (eigentliche) Ziel der Tagestour ist schon von Weitem am Bug zu sehen. Drei Brücken gilt es im Stadtgebiet von Usti nad Labem (Aussig) zu unterqueren, dann steigt die Spannung. Die Schleuse unterhalb der Burg Strekov (Schreckenstein) wird angesteuert. Volle Konzentration der Mannschaft ist jetzt gefragt, schließlich stellt diese Schleusenfahrt ein anspruchsvolles Manöver dar. Kapitän Peschel balanciert das rund 70 Meter lange und über die Radkästen fast 13 Meter breite Schiff behutsam an die Schleusenwand. Dann ist seine Deckmannschaft am Zuge. Nicht lange, und der Dampfer ist fest gemacht! Zeit für Maschinist Jörg Sämann, um seiner Dampfmaschine eine kurze Verschnaufpause zu genehmigen. Das 350 PS starke „Herz des Schiffes“ hat sie sich redlich verdient. Eine gute halbe Stunde dauert es, bis die Schleusenkammer voll gelaufen ist und das eingeströmte Wasser die „Leipzig“ um fast neun Meter gehoben hat. Die Ampel springt von rot auf grün, die „Zuschauer“ auf der Brücke klatschen Beifall, als das Schiff ins obere Staubecken einläuft.
Man liegt gut in der Zeit. Eigentlich zu früh, um schon die geplante Rückreise anzutreten. Michael Lohnherr, Geschäftsführer der Sächsischen Dampfschiffahrt - er ist wie auch Gastronomie-Direktor Jeffrey Pötzsch den ganzen Tag über an Bord -, hat erkannt, was die Masse sich jetzt wünscht. Es geht noch einige Kilometer weiter. Im stauen Wasser bietet sich ein ganz anderes Fahrgefühl als auf dem strömenden Fluss, das dem 80 Jahre alten Dampfschiff wie auch der Besatzung und ihren Gästen ein spürbares Vergnügen bereitet. Längst hat sich so Mancher bei dem strahlenden Sonnenschein einen Sonnenbrand geholt, den der frische Fahrtwind etwas abkühlt. Staunend beobachten die Menschen in Brna (Birnai), Vanov (Wannow), Dolny Zalezly (Salesel) und Cirkvice (Zirkwitz) das vorbei rauschende Schiff.
70 Kilometer sind an diesem Tag schon absolviert. Zeit zu wenden. Schade irgendwie. In der Schleuse dauert es diesmal sogar noch etwas länger als auf der Hinfahrt. Die Schleusentore öffnen sich, der Dampfer gleitet stromab. Vorbei an jener Stelle, wo sich zu DDR-Zeiten die Anlegestelle befand und die damaligen Luxus-Seitenradmotorschiffe bei ihren Tagesfahrten Station machten. Die Gedanken schweifen... - bis man wieder von der prächtigen Stimmung an Bord eingefangen wird. Logischerweise geht es jetzt talwärts wesentlich schneller als zu Berg. Aber jeder lässt sich noch einmal einfangen von den Impressionen dieser reizvollen Landschaft und der unnachahmlichen Dampfschiff-Atmosphäre. Könnte es sein, dass eine solche Reise nach Tschechien keine Eintagsfliege bleibt? Für Geschäftsführer Lohnherr, der die Fahrt selbst „als außerordentlich lohnend empfunden hat“, ist es durchaus denkbar, diese Tour in Zukunft einmal pro Jahr anzubieten. Längst hat die „Leipzig“ wieder die frühere Grenzstation hinter sich gelassen, an der seit anderthalb Jahren kein Halt mehr gemacht werden muss. Das vereinte Europa hilft, Grenzen zu überwinden. Grenzen, die die wunderbare Natur nicht kennt und die auch für die Menschen und die Schifffahrt nur im geografischen Sinne eine Rolle spielen. Als der Dampfer kurz nach 19.00 Uhr wieder in Königstein angekommen ist, kann jeder Fahrgast mit bleibenden Eindrücken von einer imposanten Erlebnistour der besonderen Art die Heimfahrt antreten.
Michael Hillmann