Große Fahrt

Auf großer Fahrt mit MS „Wilhelm Florin“

„…er ist einmal über den großen Teich gefahren, und hatte für den Rest seines Lebens was zu erzählen

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..so muß ich wohl ganz schön blöd geschaut haben in den Dezembertagen des Jahres 1984 als ich in aller Frühe von einem „B1000 Barkas“ der „Schiffsversorgung“, ich glaube auf Liegeplatz 42, vor dem
MS „Wilhelm Florin“ „abgeworfen “ wurde. „…so´n Mist“ dachte ich , der Kahn ist ja viel zu groß, der schaukelt ja bestimmt nicht mal ! Nach den Vorbereitungen und längerer Liegezeit, weil der Hafen zugefroren war,
hieß es am 15. Januar um 19.00 Uhr „…Decksbesatzung klar vorn und achtern, die Manöverstation besetzen !“
Den Irrtum, dass Schiff würde nicht mal schaukeln sollte ich schon Tage später in der Biskaya einsehen. Ich fand es einfach „super“, während sich die Lehrlinge und einige andere darunter auch Offiziere krampfhaft versuchten das Ende der Speiseröhre wieder zurückzustopfen, auf dem Peildeck zu stehen und mit meiner Schmalfilmkamera alles aufzunehmen.
(Anm. d. Schreiberlings: von der Achtmonatigen Reise für die ich 45 Minuten Film gekauft hatte, ist mir nur noch die Hinreise per Film geblieben, und die noch nicht mal vollständig, da die Ganoven im Entwicklungskombinat in Berlin-Johannisthal beim entwickeln meiner Filme einfach Teile rausgeschnitten haben. …dieses Gesindel !!!) Das erste Erlebniss was mir noch sehr Nachhaltig in Erinnerung ist, das ist die Passage des „NOK“ von Kiel nach Brunsbüttel. Da sah ich das erste mal als gelernter DDR-Bürger den stinkenden, faulenden, bösen Kapitalismus mit seinen gepflegten Häusern, Gärten und den „Westschlitten“. So sah er also aus, der dem Untergang geweihte Kapitalismus ! Da es, ich glaube bestimmt – 5 Grad waren, und ich unbedingt den „Westen“ sehen wollte, kam es mir doch schon ziemlich merkwürdig vor, dass unser Pope (Politoffizier, hatte immerhin soviel Streifen auf dem Ärmel wie der Chiefmate) der ja schon x-mal durch den NOK gefahren war, ständig in meiner Nähe war, und das bei der Kälte ! Ich vermute er war besorgt um mich, da ich meine erste Reise gemacht hatte, wollte er auf Nummer sicher gehen, daß ich nicht aus versehen ins Wasser plumpse !



Die erste Station : Antwerpen Sonntags, …Ausfahrt zum Vogelmarkt ! Und was es da nicht alles zu sehen gab. Gelbe gebogene Früchte (Bananen), runde wohlriechende orangefarbene Früchte (Orangen) und was soll ich noch sagen …ANANAS ! Das alles im Winter !
2 Monate später sollten mir diese ganzen Früchte zum Hals raushängen. Alte „Vietnamfahrer“ wissen ein Lied davon zu singen, was wir alles gegen Bananen, Ananas etc. eingetauscht haben (u.a. alte Lumpen, Stauholzbretter, das gute teilweise obergärige, flockige…, na wisst Ihr wovon ich spreche ? Richtig vom „HAFENBRÄU“). Ich bin aber schon wieder abgekommen von Antwerpen. Meinen ersten Rüffel erhielt ich an Land als ich gerade die schönen Südfrüchte filmte von „Porno“ (ja, der Matrose hatte wirklich diesen Spitznamen, wer weiß woher ?), …ich solle doch gefälligst nicht so auffällig die Südfrüchte filmen, da wissen die doch gleich wo wir herkommen. So viel zum Staatsbürkerkundeunterricht !
Maschinenschaden !!! …so ein Mist ! Hat vielleicht die Reederei gedacht, wir waren froh über jeden Landgang. Also Zwischenstop in Lissabon. 5 Tage ausgiebig Landgang (nach der Arbeit wohlgemerkt). Und wo schleppen mich die Matrosen hin ? … in die Peepshow ! Dazu jetzt weiter kein Kommentar !
Jetzt geht die Reise richtig los. Auslaufen Lissabon Richtung Hsingkang (Norden von China) mit zwischenzeitlicher Suezkanalpassage. Welche mir auch in Erinnerung geblieben ist, da mir ständig irgendwelche Ägyptische Festmacher mit „Gummitütchen“ auf den Fersen waren. Jedenfalls war´s dort schon schön angenehm warm und im Roten Meer wurde auf der Poop im Container angebadet. Das Meer ist das faszinierendste (schweres Wort) was ich bisher in meinen jungen Jahren erleben durfte. Ich sitze in meiner Kammer, das Bulleye auf und rauche meine erste „Westzigarette“, wenn die mich zu Hause sehen könnten, die frieren sich ihren Ar… ab und ich sitze bei 24° gemütlich beim Bier und im Hintergrund rauscht das Meer ! Der fantastische Indische Ozean !!!. Am schönsten ist es doch, wenn Achtern gegrillt wird oder man sitzt an der „Bushaltestelle“ und trinkt ein Feierabendbier mit der Maschinen- und Decksgang ! Cool !!!





Endlich Land in Sicht ! Nach über 44 Seetagen sind wir in der Strasse von Malakka angekommen und sehen wunderschöne grüne Inseln (auf denen sollen sich ja die Piraten verstecken, dass ich nicht lache)! Tatsächlich, Chiefmate faselt was von „Piratenwache“ und das Schiff unter „Verschluss“ bringen. Ja, es gibt sie noch die „Freibeuter der Meere“ nur das die wahrscheinlich nicht mehr auf das Zahngold vom „Alten“ aus sind !
Endlich Landgang… ,Hsingkang die Deutschen kommen ! Schön anzusehen die Chinesen in Ihren Khakifarbenen Armani-Anzügen. Spass beiseite ich will mich über niemanden lustig machen, nur leben möchte ich dort nicht. Ich glaube Asiaten essen alles was atmet und einen Laut von sich geben kann ! Nachdem wir nun beim Funker unser Handgeld (immerhin pro Tag, ich glaube für Manschaftsdienstgrade satte 3,50 DM, nochmal in Worten „Deutsche Mark“) bekommen haben, sprich also für 25 Tage (Rest ging schon in Lissabon drauf), geht`s ab in den „Seamans Club“ Korkschnitzereien, Perlmutbilder, Teeservice, Stangenweise Zigaretten der Sorte „555“ (wird in Vietnam bei „Katja“ gegen Dong getauscht) und was weiß ich noch so alles kaufen. Nicht zu vergessen,…ESSSSEN in China, dass muss sein z.B. süss saures Schweinefleisch oder Glasnudelsuppe (ja ich weiß, dass gibt´s beim Chinesen um die Ecke auch) aber noch lange nicht so gut wie in China oder Vietnam. Ich denke da nur an Shrimps in Bierteig gebacken mit Nuoc Mam mmmhhh…! Alles andere was atmet und einen Laut von sich gibt wollte ich dann doch nicht essen. Im Gegensatz zu einigen Crewmitgliedern, die ja unbedingt was exotische zwischen Ihren Zahnlücken spüren wollten (Affenhirn, Schlange usw.) Das ist mir doch des Guten zuviel !
Die Nächsten Häfen können wir getrost übergehen, da sie sowieso alle gleich waren und es nicht´s interessantes zu berichten gab, die da waren Dairen (China) und Shanghai (China).
Endlich ist sie zu sehen die Küste von Vietnam. Unser Zuhause für die kommenden Monate ! Die 8 stündige Flussfahrt nach Saigon ist eine von vielen unvergesslichen und beeindruckenden Erlebnissen.
Sonntag, den 07. April liegen wir mitten im Saigon-River an den Tonnen festgemacht. Die ersten Erlebnisse mit den Vietnamesen und dem Land sind einfach überwältigend, schade nur , dass ich auch noch zwischendurch arbeiten mußte, es war ja Ostersonntag. Jeder Seemann weiß doch, dass sich zu den Feiertagen die Kombüse immer was einfallen lassen muß. Wir bereiteten in 15 Stunden inklusive der normalen Mahlzeiten unter Mithilfe einiger Crewmitglieder ein „Spiegelbüffet“ vor, von dem ca. 30 Minuten nach Eröffnung nichts mehr übrigblieb.
09. April „festmachen“ in der Bason-Werft. Als einer der gerade erst seinen Wehrdienst geleistet hatte, vielen mir natürlich gleich die „einheitlich vorbildlich“ gekleideten Soldaten auf, da wir uns ja in einer Militärwerft befanden. Der erste an Bord war „Musicman“, jeder „Werftfahrer“ kennt Ihn und ich will Ihn nur mal so am Rande erwähnen, da er außer den Vietnamesischen Mädels (ich glaub jeder, außer dem „Alten“ hat wohl seine Freundin in Saigon gehabt) in meinem Bericht nicht fehlen darf ! Nach kurzer Anlaufphase gehts dann dem Rost an den Kragen.
…was ist das ??? Ich trau meinen Augen kaum, da kommen ca. 100 Werftarbeiter, jeder mit einem Rosthammer bewaffnet und fangen an auf abenteuerlichen Stellagen hängend am Schiff rumzukloppen. Ich werde WAAAHHHNsinnig. Wie soll ich bei dem Lärm arbeiten ? …ich hab mich dran gewöhnt ! Auf die Werftzeit möchte ich nicht weiter eingehen. Ein Tag war wie jeder andere. Für ein Stück Seife Rikscha fahren quer durch Saigon, manchmal auch um die Wette und da können einem schon mal die Rikschafahrer leid tun, bei dem was da manchmal an „Ballast“ durch die Gegend gefahren werden wollte. Die Bezahlung funktioniert übrigens auch mit Äpfeln, Hafenbräu, Zigaretten, Kaugummis usw., ich glaube daher kommt auch der Spruch“…für´n Appel und´n Ei“ ! Nach der Arbeit zum Käpt´n eine Stange Zigaretten („RP“) geholt, mit Bratzi (hatte ich noch nicht erwähnt, er war mein Koch, ein sehr guter dazu noch) in die Stadt gefahren, Zigaretten gegen Geld getauscht, Geld gegen Obst und Gemüse getauscht, dann auf dem Schiff Hemd und Hosen gegen Kochklamotten getauscht, um dann das Eingekaufte gleich zu verarbeiten.
Nach Feierabend ab ins Cafe „104“ oder „142“, die hatten bloß Nummern. Wir trafen uns mit den Mädels immer in den Cafe´s, wo gerade kein Strom war, nicht damit wir uns im dunkeln vergnügen konnten (…doch, ja, deswegen auch) sondern, damit die Mädels nicht gleich erkannt werden, wie sie mit Ausländern „Kontakt“ hatten. Einige sind dafür sogar in den Knast gegangen. Soviel zum weltoffenen Sozialismus ! Was mir auch noch besonders in Erinnerung geblieben ist, ist der tägliche Kampf gegen ein Heer von Kakerlaken. Diese haben sich in der Kombüse besonders wohl gefühlt. …schön warm und immer reichlich zu fressen da! Ich habe mich daran gewöhnt und auch die Besatzung hat schon mal das eine oder andere kleine Tierchen an den Tellerrand schieben müssen. Man kann ja nicht ständig aufpassen, wenn sich eine Kakerlake todesmutig aus der über dem Herd befindlichen Lüftung per Kopfsprung in den Kochtopf stürzt. Ich weiß auch noch ganz genau, dass in Singapur der Kammerjäger Kopfschüttelnd von Bord ging, da bereits nach dem Messedeck seine Vernichtungsvorräte zu Ende waren und er nochmal an Land mußte um Nachschub zu besorgen. Für alle Hobbyköche, der Geschmack einer Kakerlake ähnelt dem einer bitteren Mandel. Böse Zungen behaupten ja, dass der Bäcker (ich) als Mandelersatz Kakerlaken in den Kuchen getan hätte. Aus lauter Langeweile wurden auch schon mal Kakerlakenrennen veranstaltet.



Nach fast drei Monaten Werftzeit und einem knappen Monat Hafenliegezeit geht´s am 13. Juli wieder Richtung Vung Tau. Pünktlich 09.30 Uhr steht eine Abordnung der weiblichen Bevölkerung von Saigon an der Pier ! Alles, außer der weiblichen Besatzung, was irgendwie gerade nichts mit dem Ablegemanöver zu tun hat zerdrückt eine kleine Träne in Richtung Pier ! Na ja ! Die schöne lange Zeit in Saigon hat schon seine Spuren hinterlassen und haben das eine oder andere Seemannsherz zum brechen gebracht. !
Das Meer hat uns wieder ! Wurde ja auch Zeit, denn schliesslich ging der Proviant teilweise schon vor einem Monat zu Ende. Und ständig Reis essen, wer will das schon? Aber noch viel schlimmer war ja, dass das Bier so trüb war, dass man annehmen musste, die Brauerei in Rostock hat Haferflocken mit abgefüllt. Jedesmal wenn die „Obermieze“ (für Landratten: Oberstewardess) das Bier holte, ging sie mit Handschuhen und Rostschutzbrille in die Last, da die Flaschen bei der geringsten Erschütterung explodierten.
Penang (Malaysia) ist nicht weiter erwähnenswert, da ich bei der brütenden Hitze stundenlang versucht habe meinen „Stern“ Recorder gegen ein für damalige Verhältnisse super High Tech Model zu ersetzen. Was mir auch gelungen ist, trotz der ständig knappen Kasse!
Singapore ist die nächste Station. Schon allein wegen der traumhaften Silhouette und den guten Einkausmöglichkeiten versucht jeder Kapitän den Hafen zum „Bunkern“ anzulaufen. Diese Stadt ist jedesmal fantastisch. Hier habe ich dann auch meinen ersten „Hamburger“ bei Mc D…(ich krieg ja von denen nischt, wenn ich die hier erwähne!) gegessen und meine erste Coke getrunken. Als DDR-ler war das ja was besonderes.
22. Juli Auslaufen Reede Singapur. Jetzt geht´s Richtung Rotterdam also fast Heimat. Rotterdam wurde am 17. August erreicht. Nach 3 Löschtagen „segeln“ wir endgültig gen Heimat. Am 22. August gegen 13.00 Uhr ist der Leuchtturm von Warnemünde in Sicht. Nach 220 Tagen geht diese meine erste Reise zu Ende ! Ich bin wieder zu Hause und werde mein ganzes Leben von dieser und den nachfolgenden Reisen zehren ! Danke an alle, die mit mir unterwegs waren und so manche Hafenkneipe unsicher gemacht haben. Es war eine schöne Zeit mit Euch !
Ganz besonderen Dank an Uwe Bratz (Chiefcook) und Bodo Steinmüller, Lothar Kurpich, Peter Giebeler, Bianca Prill, Renald Schmidt, „Arthur“ der Engel, „Mücke“ und alle anderen die mit mir „gefahren“ sind !
Folgende Häfen bin ich angelaufen: Havanna (Cuba), Nuevitas (Cuba), Santo Domingo (Dom.Rep.),Corinto (Nicaragua), Saigon (Vietnam), Haiphong (Vietnam), Kompon Som (Kampuchea), Dairen, Wampoa, Shanghai (China), Singapur, Aden (Jemen), Aqaba (Jordanien), Penang (Malaysia), Tsingtao (China), Balboa (Panama), Montevideo (Uruguay), Buenos Aires (Argentinien), Rio de Janeiro (Brasilien), Santos (Brasilien), Mukalla (Jemen), Assab (Äthiopien), Belawan (Indonesien), Hamburg, Malmö, Antwerpen, Rotterdam, Bremen, Kiel, Aalborg, Lissabon, Delfzijl, Nord-Ostsee-Kanal, Suez-Kanal, Panama-Kanal, die kleinen Häfen in Guatemala und El Savador fallen mir nicht mehr ein !

copyright ole 2008

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2 Comments

Helmut

1. Oktober 2016 at 8:15 pm

Hallo Ole,
vielen Dank für Deinen informativen Bericht aus Sicht eines DDR-Seemannes. Mich wundert die lange Werftliegezeit in Vietnam? Ich selbst bin von 1964 bis 1981 gefahren vom Decksjungen bis zum Nautiker, verschiedene Reedereien, meist Norddeutscher Lloyd, später Hapag Lloyd. Über eine Antwort auf meine Frage würde ich mich freuen. Grüße von der Unterweser. Helmut

    seemannole

    4. Oktober 2016 at 8:06 pm

    Hallo Helmut,
    die lange Werftliegezeit war wohl geplant (3 Monate) danach lagen wir noch einen Monat zum beladen im Hafen. Uns hat die lange Liegezeit (Hafen und Werft) nichts ausgemacht! Im Gegenteil, wir genossen es, bedeutete es doch auch, dass wir schön viel Handgeld für Singapur ansparen konnten! Beste Grüße an die Unterweser! Ole

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